Egal, in welcher Liga die TSG Sprockhövel in den vergangenen zehn Jahren spielte: Raoul Meister war dabei. Die TSG ist „sein“ Verein. Bis auf zwei Jahre in der Jugend, die er beim VfL Bochum verbrachte, fuhr er Woche für Woche zum Training ins Baumhof-Stadion. Erst als Jugendlicher, ab 2007 dann als Mitglied der ersten Mannschaft, mit der er alle Höhen und Tiefen mitmachte.

Abstieg aus der Oberliga in die Westfalenliga. Aufstieg in die neu gegründete NRW-Liga. Abstieg in die Westfalenliga. Qualifikation für die wiedereingeführte Oberliga Westfalen 2012. Nummer 7, Elfmeterschütze, Kapitän. Raoul Meister war immer dabei. Für die Zweite der TSG spielte er auch mal in der Kreisliga A. Er erinnert sich: „Ich war bei dem einen oder anderen Regionalligisten im Training, aber es hat nie geklappt. Gerade vor diesem Hintergrund geht für mich hier gerade natürlich ein Traum in Erfüllung.“

Aber von vorne: Sommer 2015. Die TSG Sprockhövel hat gerade zum dritten Mal in Folge knapp den Klassenerhalt in der Oberliga geschafft, es steht ein erneuter Umbruch an. Mit Andrius Balaika kommt ein neuer Trainer, der zwar hervorragend in der Jugendabteilung gearbeitet hat, aber noch nie eine Seniorenmannschaft trainiert hat. Der halbe Kader wird ausgetauscht, viele Spieler kommen frisch aus der A-Jugend, die zuvor von Balaika in die U19-Bundesliga geführt wurde.

Abstiegskandidat steigt auf

Meister sagt: „Wir galten völlig zurecht als Abstiegskandidat. Wir hatten auch andere Absichten als den Aufstieg. Das Gefühl, es wirklich schaffen zu können, hat sich nur langsam entwickelt.“ Die Saison beginnt mit einem 1:4 gegen Arminia Bielefeld. Doch es folgen sechs Siege in Folge, ein Unentschieden in Lippstadt und drei weitere Siege. „Nach dem 0:0 gegen Lippstadt waren wir noch richtig froh“, sagt Meister, der mit seiner TSG unverhofft mit deutlichem Vorsprung Tabellenführer war.

„Irgendwann im Frühjahr haben wir dann immer weiter geschaut – kann das reichen? Es hat dann ja noch wirklich lang gedauert.“ Denn am Saisonende leistete die TSG sich einen Durchhänger, durfte aber am vorletzten Spieltag im eigenen Stadion den Aufstieg feiern. 22. Mai, ein Tag für die Geschichtsbücher. Sprockhövel war Regionalligist. Meister: „Nach meinen Probetrainings sollte es nie reichen. Da ist es etwas ganz Besonderes, den Aufstieg mit dem eigenen Verein zu schaffen – im Herbst meiner Karriere.“ Er ist 28.

Bei der TSG ist er damit aber mit Abstand der Älteste. Das Durchschnittsalter beträgt gerade einmal etwas mehr als 21 Jahre. „Die Jungen können laufen, die hängen sich rein, sie sind diszipliniert und setzen ihre Aufgaben um“, lobt Meister. „Aber es braucht auch Ältere, wie Max Claus zum Beispiel. Oder Christian März und Adrian Wasilewski, die schon Regionalliga gespielt haben.“

Fehlende Erfahrung ist das große Manko. Das zeigte sich in den ersten Spielen relativ schnell. Das junge TSG-Team spielte wie in der Oberliga mutig und wild, ließ sich von viel erfahreneren Teams aber abkochen. Ganz bitter, dass ausgerechnet der routinierte Kapitän bisher verletzungsbedingt kaum helfen konnte. Meister konnte aufgrund einer Hüftverletzung nur ein Spiel machen.

Er bleibt gelassen: „Ich bin ja immer dabei. Ich bin bei den Spielen, war mit in Aachen. Es macht auch von außen alles riesig Spaß, das mitzuerleben.“

Meister und die TSG schreiben gerade nicht nur Sprockhöveler Geschichte – sie erfüllen sich auch einen großen Traum.

Absteiger? Meister will noch nicht philosophieren

Auch wenn kein Experte der TSG Sprockhövel eine Chance auf den Klassenerhalt einräumen wollte. Und auch, wenn die Lage nach neun absolvierten Spielen nicht gerade rosig ist und die TSG den Anschluss zu verlieren droht: Raoul Meister bleibt ruhig.

„Natürlich wäre der Klassenerhalt ein Wunder, sogar ein noch größeres als der Aufstieg.“ Dass Sprockhövel von den ersten neun Saisonspielen keines gewonnen hat, heiße aber nicht, dass man auch absteigen werde: „Das ist noch so viele Spiele und Monate hin. Da müssen wir nicht drüber philosophieren, sondern in den nächsten Spielen punkten. Dass wir das können, haben wir schon gezeigt.“

Drei Unentschieden gegen Rödinghausen, Verl und auf dem Aachener Tivoli stehen zu Buche. Die vielleicht stärkste Leistung zeigte die TSG jüngst in Oberhausen, wo sie aber durch einen unglücklichen Elfmeter spät verlor.

Wann Meister auf dem Feld wieder seinen Teil beitragen kann, ist noch offen. Ärzte und Physiotherapeuten stellen seine Hüftprobleme vor ein Rätsel: „Es wäre leichter, wenn ich wüsste: In zwei Wochen bin ich wieder da. Aber es zögert sich immer weiter hinaus.“

Er ist aber überzeugt, dass die TSG auch ohne ihn gewinnen kann und wird: „Wir haben zuletzt mit den ersten Spielen und dem Spiel gegen Aachen unser bestes Spiel gezeigt. Für die nächsten Partien müssen wir uns diesen Einsatz und Mut beibehalten. Dann werden wir auch nach vorne kommen.“

Philipp Ziser

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