Er ist der Mann, mit dem der Aufstieg bei der TSG Sprockhövel begann. Als Libero erreichte er Kultstatus. Gemeint ist Ovidijus Mozuraitis.

Er genießt immer noch absolute Hochachtung rund um den Baumhof. Dabei ist es schon einige Zeit her, dass Ovidijus Mozuraitis für die TSG Sprockhövel Fußball spielte. Aber der Höhenflug der TSG ist auch ganz eng mit dem inzwischen 57-Jährigen verbunden. „Im Prinzip hat mit ihm unser Aufschwung begonnen“, sagt Sprockhövels Fußball-Abteilungsleiter Ulrich Meister.

Ovidijus Mozuraitis, dessen richtiger Vorname einigen heimischen Fußballfans vielleicht gar nicht geläufig ist, weil er nur „Vitas“ gerufen wird, spielte auf einer Position, die es im modernen Fußball heute gar nicht mehr gibt. Vitas Mozuraitis war der Chef in der Sprockhöveler Abwehr, als Libero erreichte er Kult-Status.

Ein zurückhaltender Mensch und ein guter Fußballer

Doch wenn er darauf angesprochen wird, dann winkt der Litauer ab. „Ach nein, ich habe nichts Besonderes geleistet, andere hätten es viel mehr verdient, in den Mittelpunkt gerückt zu werden“, sagt Mozuraitis, der damit gleich eine wesentliche ihn auszeichnende Charakter-Eigenschaft preisgibt.

Denn Ovidijus Mozuraitis ist durch und durch ein zurückhaltender, ein bescheidener Mensch. Das ist sicherlich auch ein Grund dafür, dass in Sprockhövel eigentlich nur positiv über ihn gesprochen wird. Dass er zudem ein extrem guter Fußballer war, kommt natürlich noch hinzu.

Aus einer Saison wurden schließlich acht Jahre

Acht Jahre hat er für die TSG Sprockhövel gespielt – von 1992 bis 2000. In dieser Zeit legte die TSG den Weg von der Bezirksliga bis in die Oberliga zurück, wobei Mozuraitis treibende Kraft war, den ganz großen Triumph aber nicht mehr im Kreis der Mannschaft erlebte. Aber dazu später.
 
Acht Jahre also. Dass es eine so lange Zeit werden würde, hatte Mozuraitis nicht gedacht, als er gemeinsam mit Kestutis Kundrotas nach Deutschland kam. Beide waren einem Freund gefolgt, der in Herne wohnte. „Wir waren damals ja nicht mehr ganz jung, wir waren schon 33 Jahre alt“, erinnert sich Mozuraitis. Ein Jahr lang wollte er in Deutschland Fußball spielen. Mehr nicht. Doch es kam anders.

Was der Trainer sagt, das wird auch gemacht

Von seinen Trainern, zu denen neben Hartwig Zecher und Friedhelm Schulte auch Jörg Silberbach gehörte, wurde Mozuraitis enorme Wertschätzung entgegen gebracht, wobei die Beziehung zu Jörg Silberbach eine ganz besondere werden sollte. Denn Silberbach war jünger als Mozuraitis, der der Inbegriff, also die vollkommene Verkörperung, eines Liberos war und der in seiner Karriere nur ganz selten einmal auf einer anderen Position gespielt hatte. „Ich war immer letzter Mann“, sagt der Litauer.

Doch der Fußball änderte sich. Der Libero wurde zum Auslaufmodell, und auch Jörg Silberbach, der damals ein junger Trainer mit vielen Ideen war, dachte über Veränderungen nach. „Ein Libero spielt hinter der Abwehr und nimmt so am Spiel gar nicht richtig teil, wir brauchen eine Überzahl im Mittelfeld“, so wird Silberbach damals wohl gedacht haben, um diese Idee dann auch vorsichtig an Ovidijus Mozuraitis heranzutragen. „Ich bin dann auf die glorreiche Idee gekommen, Vitas im defensiven Mittelfeld spielen zu lassen“, sagte Silberbach damals, und natürlich erinnert sich auch noch Ovidijus Mozuraitis an dieses Experiment, das aber nur von begrenzter Dauer war.

Eine Halbzeit lang spielte Vitas im Mittelfeld

„Ja, ich weiß das noch genau. Eine Halbzeit lang habe ich bei der TSG im Mittelfeld gespielt“, sagt Mozuraitis mit einem Lachen. Obwohl er natürlich wusste, dass ihm diese Position auch schon wegen des fortgeschrittenen Alters nicht gerade auf den Leib geschnitten war, wäre er nie auf die Idee gekommen, die Entscheidung des Trainers in Frage zu stellen. „Was der Trainer sagt, wird gemacht“, sagt Mozuraitis, der zwischen Training, Spielen und Freizeit genau unterscheidet. „Der Trainer hatte ja auch einen Spitznamen, doch wenn wir Fußball gespielt haben, dann war er für mich der Trainer und damit eine absolute Autorität und Respektsperson“, so Mozuraitis, dem das Wort „Fisch“ also nicht über die Lippen gekommen ist.

Zwei Spiele vor dem Aufstieg zurück nach Litauen

Mozuraitis war also wieder Libero, und in Sprockhövel war alles in bester Ordnung. Die Mannschaft spielte in der Westfalenliga eine tolle Saison und stand kurz vor dem Aufstieg. Doch zwei Spieltage vor Saisonschluss dann der große Schock.

Für Vitas Mozuraitis wurde die Aufenthaltsgenehmigung nicht verlängert, Litauen gehört ja erst seit 2004 zur EU. Mozuraitis musste Deutschland verlassen, gemeinsam mit dem heutigen TSG-Trainer Andrius Balaika und Dainius Kruminas. Zwei Spiele waren es da noch bis zum Saisonfinale, und der TSG fehlte nur noch ein Punkt bis zum Oberliga-Aufstieg.

Sprockhövel ist zur zweiten Heimat geworden

Natürlich wurde dieser Punkt geholt, aber die Aufstiegsfeier war dann nicht ganz unbeschwert, denn viele Sprockhöveler waren mit ihren Gedanken bei ihrem ehemaligen Libero, der aber keineswegs im Groll zurückschaut und heute sagt: „Das hatte ich zu akzeptieren, meine Papiere waren ja nicht in Ordnung.“

Aber er kehrte wieder zurück, auch seine Familie wohnt heute in Sprockhövel, seine Töchter studieren. Seine Familie reduziert der 57-Jährige aber nicht nur auf den Namen Mozuraitis, auch die Familie Meister zählt er dazu. „Alles unglaublich nette und hilfsbereite Menschen, und Uli Meister ist für mich so etwas wie ein älterer Bruder“, sagt Ovidijus Mozuraitis, der die Spiele der TSG auch heute noch oft als Zuschauer beobachtet.

Im Zweikampf war er kaum vom Ball zu trennen

Obwohl er ein Fußball-Experte ist, hält er sich mit Ratschlägen zurück. Er bleibt Beobachter im Hintergrund. „Er würde sich nie einmischen“, sagt TSG-Trainer Andrius Balaika, der Vitas Mozuraitis als Fußballer und Menschen schätzen gelernt hat. „Er war ein perfekter Libero, und er war ein unglaublich guter Techniker. Aber er wollte nie im Vordergrund stehen“, sagt Andrius Balaika. „Er war eher der Typ, der auf der gegnerischen Torlinie den Ball noch einmal quer legte, damit sich ein anderer über einen Treffer freuen konnte. Und er war defensiv im Zweikampf unglaublich stark.“

Und das ist eine Aussage, die auch schon einmal Jörg Silberbach bestätigt hat. Anlässlich eines verspäteten Abschiedsspiels, das die TSG im September 2006 für den Litauer organisierte, sagte Silberbach: „Wir haben ja zusammen in einer Mannschaft gespielt, und auch im Training habe ich gemerkt, wie stark er im Zweikampf war. Man konnte Vitas einfach den Ball nicht abnehmen. Ich habe das auch nie geschafft.“

Heiner Wilms

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